Zwischen Desinfektionsmittel, Einwegprodukten und energieintensiver Medizintechnik scheint Nachhaltigkeit auf den ersten Blick kaum Platz zu haben. Doch gerade im Gesundheitsbereich zeigt sich, dass sich Hygiene und Klimafitness nicht ausschließen müssen. Wer an Nachhaltigkeit denkt, hat häufig Holzoberflächen, natürliche Materialien und möglichst wenig Technik vor Augen. Wer an eine Arztpraxis denkt, denkt dagegen an desinfizierbare Oberflächen, hohe hygienische Anforderungen und einen energieintensiven Betrieb. Die Frage liegt daher nahe: Können Nachhaltigkeit und Hygiene überhaupt miteinander vereinbart werden? Die Antwort lautet: Ja, aber wenn Nachhaltigkeit nicht als einzelnes Produkt, sondern als Bestandteil einer durchdachten Planung verstanden wird.
Mehr als ein Trend
Steigende Energiekosten, zunehmende Hitzebelastung und strengere Anforderungen an die Energieeffizienz führen dazu, dass nachhaltige Lösungen auch im Gesundheitsbau immer stärker in den Fokus rücken. Zwar existiert für Ordinationen keine eigenständige „Nachhaltigkeitspflicht“, dennoch beeinflussen baurechtliche Vorgaben, technische Standards und Fördermodelle die Planung zunehmend. Grundlagen dafür finden sich unter anderem in den Bauordnungen der Bundesländer sowie in der OIB-Richtlinie 6, die Anforderungen an Energieeinsparung und Wärmeschutz definiert. Hinzu kommen europäische Vorgaben, die sich schrittweise auf nationale Regelwerke auswirken. Damit wird Nachhaltigkeit weniger zu einer freiwilligen Zusatzoption als vielmehr zu einem wesentlichen Qualitätsmerkmal zukunftsfähiger Gebäude.
Warum Arztpraxen besondere Anforderungen stellen
Anders als im Wohnbau müssen bei Ordinationen zahlreiche zusätzliche Faktoren berücksichtigt werden. Dazu zählen unter anderem Anforderungen an Raumklima und Luftqualität, längere Betriebszeiten, ein erhöhter Energiebedarf durch medizinische Geräte, sowie Materialien und Oberflächen, die den hygienischen Anforderungen standhalten müssen.
Langlebigkeit ist Nachhaltigkeit
Nachhaltigkeit wird häufig mit ökologischen Baustoffen gleichgesetzt. Im Gesundheitsbau spielt jedoch ein weiterer Faktor eine entscheidende Rolle: die Lebensdauer. Oberflächen und Materialien müssen nicht nur optisch hochwertig sein, sondern auch regelmäßiger Reinigung und Desinfektion standhalten. Langlebige, robuste und wartungsarme Lösungen können über den gesamten Lebenszyklus betrachtet nachhaltiger sein als Materialien, die zwar ökologisch erscheinen, aber häufiger ersetzt werden müssen. Nachhaltigkeit bedeutet daher nicht zwangsläufig Verzicht, sondern häufig eine bewusste Entscheidung für Qualität und Beständigkeit.
Besonders im Bestand sind individuelle Lösungen gefragt
Die meisten Ordinationsprojekte entstehen nicht auf der grünen Wiese, sondern im Bestand. Dort geht es häufig weniger um die vollständige energetische Sanierung als um gezielte Verbesserungen. Dazu gehören beispielsweise die Optimierung bestehender Heizungs- und Regelungssysteme Maßnahmen gegen sommerliche Überhitzung.
Nachhaltigkeit rechnet sich langfristig
Viele nachhaltige Maßnahmen erfordern zunächst höhere Investitionen. Betrachtet man jedoch den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes, zeigt sich häufig ein anderes Bild. Niedrigere Energiekosten, geringerer Wartungsaufwand und ein höherer Nutzungskomfort wirken sich langfristig positiv auf den Praxisbetrieb aus. Hinzu kommt, dass angenehme Raumtemperaturen und gute Luftqualität sowohl Patienten als auch Mitarbeitern zugutekommen.
Kein Gegensatz, sondern eine Planungsaufgabe
Die vermeintliche Gegensätzlichkeit zwischen Hygiene und Nachhaltigkeit löst sich bei genauer Betrachtung auf. Beide verfolgen letztlich dasselbe Ziel: eine langfristig funktionierende und qualitativ hochwertige Umgebung für Patienten und Mitarbeiter zu schaffen. Nachhaltigkeit ist deshalb kein zusätzliches Ausstattungsmerkmal, das am Ende eines Projekts ergänzt wird. Sie beeinflusst Standortwahl, Materialkonzepte, Haustechnik und betriebliche Abläufe bereits in den frühen Planungsphasen.
Quellen
- OIB-Richtlinie 6 „Energieeinsparung und Wärmeschutz“
- Bauordnungen der österreichischen Bundesländer
- Europäische Richtlinien zur Energieeffizienz von Gebäuden (EPBD)
- Österreichisches Institut für Bautechnik (OIB)
- Förderinformationen zu Heizungsumstellungen und erneuerbaren Energien (Bund und Länder)